Süchtig nach Büchern, Kaffee und Schokolade
Sie heißen Marc, Luca und George: die Ex-Freunde von Natalie. Nach ihnen hatte sie eigentlich den Männern gänzlich abgeschworen, aber dem Charme ihres Chefs James kann sie nicht widerstehen. Zuerst scheint ihre Ehe glücklich zu verlaufen. Doch dann bahnt sich erneut ein Desaster an…
„The Exes“ ist der Debütroman von Leodora Darlington.
Der Spannungsroman besteht aus 58 kurzen Kapiteln. Die Handlung spielt auf mehreren Zeitebenen: Es gibt einen gegenwärtigen Strang („Jetzt“) im Präsens und diverse Rückblicke. Erzählt wird in der Ich-Perspektive von Natalie, einer unzuverlässigen Erzählerin.
Die Protagonistin ist keine klassische Heldinnenfigur, aber reizvoll angelegt. Man kommt ihre Gedanken und Gefühle einerseits recht nahe, spürt andererseits aber auch, dass sie Geheimnisse und Abgründe verbirgt, die sich nicht auf Anhieb erschließen. Auch die weiteren Charaktere wirken interessant und gleichzeitig etwas undurchsichtig, was zur Sogwirkung beiträgt.
In inhaltlicher Hinsicht geht es um die romantische Liebe und ihre Schattenseiten: verletzte Gefühle, Eifersucht, Rachegelüste und andere emotionale Ausnahmezustände. Psychologische Bewältigungsmechanismen werden beleuchtet. Dabei kratzt der Roman jedoch nicht an der Oberfläche, sondern geht in die Tiefe.
Auf den mehr als 450 Seiten ist die Geschichte kurzweilig und von einer subtilen Spannung geprägt, die fast durchweg spürbar ist. Mehrfach kann sie mit interessanten Wendungen überraschen.
Die Sprache des Romans ist stellenweise ein wenig vulgär, aber dennoch alles in allem angemessen und anschaulich. Die Dialoge machen einen authentischen Eindruck.
Der Titel der deutschen Ausgabe ist 1:1 aus dem englischsprachigen Original übernommen und passt zur Story. Auch das geheimnisvolle Covermotiv, das ein Auge zeigt, ist in Bezug auf Genre und Inhalt eine gute Wahl.
Mein Fazit:
Mit „The Exes“ hat Leodora Darlington einen unterhaltsamen, fesselnden und tiefgründigen Spannungsroman geschrieben. Eine empfehlenswerte Lektüre.
Frankreich im Jahr 2023: Mia Daoud, eine bekannte Schriftstellerin, hat nach einer Covid-Infektion mit „Brain Fog“ zu kämpfen. Sie kann sich nicht mehr richtig konzentrieren und hat keinen Zugriff auf ihre Erinnerungen. Nach dem entsprechenden Tipp eines Arztes reist sie nach Marokko. Dort ist sie aufgewachsen. Doch als junge Frau hat sie ihre frühere Heimat verlassen. Als sie nun auf der Farm ihrer Großeltern in Meknès ankommt, fühlt sie sich allerdings fremd…
„Trag das Feuer weiter“ ist der dritte Teil der „Das Land der Anderen“-Trilogie von Leïla Slimani.
Der Roman gliedert sich in zwei Teile, die von einem Pro- und einem Epilog eingerahmt und durch ein „Intermezzo“ getrennt werden. Die Handlung umspannt mehrere Jahrzehnte, beginnend 1980, und spielt in Frankreich und Marokko.
Erzählt wird aus wechselnder Perspektive aus der Sicht verschiedener Personen. Die Sprache ist eindrücklich, atmosphärisch und pointiert, dabei zugleich wunderbar unprätentiös und dennoch mit einer leicht poetischen Note.
Bei der Geschichte handelt es sich um den Abschluss einer französisch-marokkanischen Familiensaga, inspiriert von den Biografien der Großmutter und Mutter der Autorin. Der neue Roman schließt an „Das Land der Anderen“ und „Schaut, wie wir tanzen“ an. Es empfiehlt sich, die Trilogie in der korrekten Reihenfolge zu folgen. Dank eines Personenverzeichnisses mit Zusammenfassungen lässt sich der dritte Teil jedoch auch ohne Vorkenntnisse verstehen.
Diesmal begleiten wir mit Mia, Mathildes Enkeltochter, hauptsächlich die dritte Generation der Familie. Mir hat es gefallen, dass eine queere Protagonistin im Vordergrund steht. Ihre Gedanken und Gefühle konnte ich gut nachvollziehen. Sie und die übrigen Hauptfiguren wirken authentisch und werden mit psychologischer Tiefe dargestellt.
Auf der inhaltlichen Ebene dreht es sich vor allem um das Heranwachsen, die Suche nach Freiheit und der eigenen Identität. Welchen Einfluss haben unsere Erinnerungen und unsere familiären Wurzeln auf unser Sein? Welche Rolle spielt unsere Geschichte? Auch diesen Fragen geht der Roman nach.
Auf den rund 450 Seiten bietet der Roman nicht nur eine glaubwürdige Handlung, sondern liefert auch Hintergrundwissen zu den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen in den vergangenen Jahrzehnten in Marokko. Darüber hinaus überzeugt die Geschichte immer wieder mit bewegenden Momenten.
Die deutsche Ausgabe bleibt optisch wieder nah am französischen Original. Das Foto des Covermotivs wurde übernommen. Zudem wurde der Titel fast wortgetreu übersetzt („J‘emporterai le feu“).
Mein Fazit:
Mit „Trag das Feuer weiter“ gelingt Leïla Slimani ein würdiger und überzeugender Abschluss ihrer Familientrilogie. Eine Lektüre, die Unterhaltung und Anspruch auf gekonnte Weise verbindet.
Mirjam und Nia sind gleichaltrige Halbschwestern, die sich erst mit 14 Jahren in Stockholm zum ersten Mal begegnet sind. Einige Zeit waren sie beste Freundinnen. Nun sind beide 40 Jahre alt und haben sich seit mehr als einem Jahr nicht mehr gesehen. Da erhält Mirjam, die noch unter einer Trennung von ihrem Ex Juan leidet, eine Einladung von Nia: Sie soll auf die Schäreninsel Tallholmen kommen. Mit einem mulmigen Gefühl nimmt sie die Einladung an…
„Die Insel meiner Schwester“ ist ein Spannungsroman von Sara B. Elfgren.
Die Geschichte wird in 21 Kapiteln erzählt, denen ein kurzer Prolog vorangestellt wird. Es gibt mehrere zeitliche Sprünge. Erzählt wird dabei in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Mirjam.
Die Sprache ist ungekünstelt und unspektakulär, aber dem Genre angemessen und nicht zu platt. Die Beschreibungen sind atmosphärisch und anschaulich.
Die beiden Schwestern stehen im Mittelpunkt des Romans. Die Protagonistinnen sind mit viel psychologischer Tiefe angelegt. Vor allem Mirjams Gedanken und Gefühle werden sehr deutlich. Zwar bleiben sie und die weiteren Charaktere ein wenig undurchsichtig, um die Spannung aufrechtzuerhalten. Dennoch erscheinen sie glaubwürdig.
Die Geschichte ist eine Mischung von Drama und Kammerspiel. Auf den rund 300 Seiten ist sie von einer Spannung durchzogen, die mal subtil, mal ausgeprägter vorhanden ist. Vor allem zum Ende hin steigert sich die Dramatik und überrascht mit plötzlichen Wendungen.
Der Roman behandelt mehrere ernste Themen wie Verlust, Tod, Hassgefühle, Verrat und verschiedene Formen von Gewalt. Die Konfrontation mit menschlichen Abgründen macht die Lektüre immer wieder beklemmend. Geheimnisse spielen eine wichtige Rolle.
Sowohl das stimmungsvolle Covermotiv als auch der deutsche Titel wirken auf mich zu harmonisch und daher etwas irreführend. Beides weicht auch etwas von der schwedischen Originalausgabe („Ö“) ab.
Mein Fazit:
Mit „Die Insel meiner Schwester“ hat mich Sara B. Elfgren größtenteils überzeugt. Ihr lesenswertes Debüt in der Erwachsenenliteratur ist eine unterhaltsame Lektüre.
Die Kleinstadt Riverburg im US-Bundesstaat Maine: Rund 500 Schülerinnen und Schüler besuchen die Riverburg Senior High School. Hazel Greenberg Blum (18) ist neuerdings eine von ihnen. Seitdem ihr Vater Gus (49), ein Amerikanistikprofessor, eine neue Stelle angenommen hat und ihre Familie umgezogen ist, soll sie dort ihr letztes Jahr vor dem College absolvieren. Sie ist ehrgeizig und sehr motiviert. Doch schon am ersten Schultag nach den Sommerferien wird sie ins Büro des Direktors Richard White (41), genannt Dick, gerufen. Seine Forderung, mit der er sie unvermittelt konfrontiert, schockt sie: Er hat sie für eine sexuelle Beziehung auserkoren. Hazel antwortet mit „Nein“ und löst damit eine Kette von Ereignissen aus…
„Hazel sagt Nein“ ist der Debütroman von Jessica Berger Gross.
Der Roman umfasst vier Teile mit insgesamt 46 kurzen Kapiteln. Erzählt wird aus wechselnder Perspektive aus der Sicht von Mutter Claire (47), von Vater Gus, von Bruder Wolf (11) und vor allem von Hazel. Die Handlung umspannt etwa ein Jahr und spielt vorwiegend an der Ostküste der USA.
Die Sprache ist ungekünstelt und wenig spektakulär, aber anschaulich. Die Dialoge wirken authentisch. Stilistisch ist der Text durchaus abwechslungsreich, denn es sind Zeitungsartikel, Mails und andere Nachrichten eingefügt. Die Übersetzung von Angela Koonen ist nur an wenigen Stellen etwas holprig.
Sexuelle Belästigung und Übergriffe sind das Hauptthema des Romans. Dabei zeigt die Geschichte einerseits, dass solcher Vorfälle weite Kreise ziehen können. Andererseits ermutigt sie eben dazu, sich gegen die Täter zu wehren. Allerdings hätte das Thema gründlicher ausgearbeitet werden können.
Nach einigen Kapiteln geht der rote Faden stattdessen immer wieder verloren, denn die Geschichte ist mit weiteren Themen und Nebensträngen überfrachtet. Das macht den Roman zwar facettenreich. Zugleich nimmt es aber dem Hauptthema die Intensität und führt dazu, dass sich die Geschichte so verzettelt, dass mehrere offene Enden zurückbleiben.
Nicht nur Hazel, sondern auch die übrigen drei Mitglieder werden mit vielen Details beschrieben und sind mit psychologischer Tiefe ausgestattet. Ihre Gedanken und ihr Verhalten sind nachvollziehbar und lebensnah.
Auf den fast 400 Seiten weist die Handlung keine nennenswerten Längen auf. Die Geschichte hält überraschende Entwicklungen parat. Sie bleibt durchweg kurzweilig und ist größtenteils glaubwürdig. Nur zum Ende hin erscheint manches ein wenig überzogen.
Der deutsche Titel ist wortgetreu aus dem Englischen („Hazel Says No“) übertragen. Er passt sehr gut zum Inhalt. Das Cover, das das Haus der Familie zeigt, wirkt für meinen Geschmack zu harmonisch.
Mein Fazit:
Mit „Hazel sagt Nein“ hat Jessica Berger Gross eine kurzweilige Geschichte geschrieben, die ein wichtiges Thema aufgreift und mich zugleich gut unterhalten hat. Dennoch schöpft der Roman leider nicht sein komplettes Potenzial aus.
BiBiBiber würde gerne in den Nachtstunden einen großen Damm bauen. Das geht aber nicht ohne die Hilfe anderer Tiere. Aber von ihnen möchte ihm niemand helfen, denn nachts wollen sie lieber schlafen. BiBiBiber ist genervt: Was soll das mit dem Schlaf? Ist der nicht bloß Zeitverschwendung und einfach nur total langweilig?
„BiBiBiber hat da mal 'ne Frage. Warum muss ich schlafen?" ist ein Sachbuch von Mai Thi Nguyen-Kim und Marie Meimberg für Kinder ab sieben Jahren und der vierte Band der Wissenschaftsreihe rund um BiBiBiber.
Das Sachbuch hat quasi zwölf Kapitel, die als solche aber nur in der Inhaltsübersicht zu erkennen sind, denn sie sind nicht durch Pausen oder Überschriften markiert. Es besteht aus etwas mehr als 100 Seiten.
Eingeleitet wird der eigentliche Text mit einer Art Comic, in dem es um das Eingangsszenario, also den geplanten Damm-Bau, geht. Danach kommen die Autorinnen als Protagonistinnen ins Spiel. Zwischen ihnen und BiBiBiber entfaltet sich ein langer Dialog, in dem die unterschiedlichen Aspekte zum Thema Schlaf aufgeworfen und erklärt werden. Insofern wird das Wissen also in eine Geschichte eingebettet.
Der Inhalt ist recht anspruchsvoll und umfassend. Die Frage, weshalb Schlaf notwendig ist, wird ausführlich beantwortet. Dabei geht es nicht nur um die verschiedenen Funktionen des Schlafens, sondern es wird auch beleuchtet, wie unterschiedlich Menschen und Tiere schlafen. Von der Photosynthese über die sonstigen Aufgaben der Zellen, die Chronotypen, die Schlafphasen und das Gedächtnis bis zu Albträumen reicht die Bandbreite, die das Sachbuch abdeckt. So manches Detail ist auch noch für viele Erwachsene unbekannt und lehrreich.
Das Buch arbeitet mit Bildern und Vergleichen, um den komplexen Sachverhalt verständlich zu machen. Dieses Konzept ist auf gelungene Art umgesetzt. Durch Wortspiele, Reime und lustige Formulierungen kommt der Spaß beim Lesen oder Vorlesen nicht zu kurz. Der Text ist angenehm klischeefrei und in einer sensiblen Sprache verfasst, gleichzeitig absolut altersgerecht. Nur die übertriebene Jugendsprache im Comicteil hat mir nicht so gut gefallen.
Die farbintensiven Illustrationen von Marie Meimberg sind abwechslungsreich und kreativ. Sie ergänzen den Text wunderbar, indem sie abstrakte oder wenig greifbare Details mit Zeichnungen vorstellbar machen.
Mein Fazit:
„BiBiBiber hat da mal 'ne Frage. Warum muss ich schlafen?" von Mai Thi Nguyen-Kim und Marie Meimberg ist ein sehr empfehlenswertes Kindersachbuch, das Wissen auf unterhaltsame Weise vermittelt.
Fabiola Cordero de Dios wurde im Jahr 1910 in Buenos Aires geboren. Nur 17 Jahre später wird sie schwanger. Ihre Tochter Carmelita, genannt Lita, wächst ohne ihren Vater auf. Als die beiden die Heimatstadt in Argentinien verlassen müssen, landen sie bei ihrer Flucht mit dem Schiff auf Upper Puffin, einer abgelegenen Insel vor Neufundland. Dort trifft Lita auf ungewöhnliche Menschen, die ihr Leben nachhaltig beeinflussen…
„Mr. Saitos reisendes Kino“ ist ein Roman von Annette Bjergfeldt.
Der Roman umfasst sieben Teile, die wiederum aus kurzen Kapiteln bestehen. Erzählt wird - mit mehreren Zeitsprüngen - in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Lita. Die Handlung umspannt mehrere Jahrzehnte, beginnend im Jahr 1910.
Der Schreibstil ist anschaulich und atmosphärisch, sodass der Roman viele Bilder vor dem inneren Auge erscheinen lässt. Mit seinen ausschweifenden Passagen und dem langsamen Erzähltempo habe ich mich teilweise allerdings etwas schwergetan.
Die Figuren, allen voran Protagonistin Lita, sind interessant und werden mit warmherzigen Blick gezeichnet. Auffallend ist jedoch, dass einige Charaktere sehr speziell dargestellt werden.
Auf der inhaltlichen Ebene ist gleich zu Beginn von einer Liebesgeschichte die Rede. Doch der Roman beinhaltet noch viel mehr. Es geht unter anderem um Themen wie Herkunft, Abstammung und Heimat, aber auch um Träume, Zusammenhalt und Freundschaften. Das macht die Geschichte facettenreich und besonders.
Auf den mehr als 500 Seiten hält die Handlung einige Überraschungen bereit, die mal mehr, mal weniger realistisch wirken. Die Geschichte ist sehr emotionsbetont und weiß zu berühren, ohne zu sehr ins Kitschige abzudriften.
Das hübsche Covermotiv mit dem Papageientaucher und der Filmrolle fängt den Inhalt und die Stimmung des Romans gut ein. Der deutsche Titel weicht ein wenig vom dänischen Original („Mr. Saitos Rejsebiograf“) ab, was ich in diesem Fall für unerheblich halte.
Mein Fazit:
Meine hohen Erwartungen hat „Mr. Saitos reisendes Kino“ von Annette Bjergfeldt zwar nicht in Gänze erfüllt. Dennoch habe ich den unterhaltsamen Roman gerne gelesen und kann ihn durchaus bedenkenlos weiterempfehlen.
Es ist der 12. November 2024, als Emma Kopmann (30) in ihrer Wohnung in Hamburg erdrosselt wird - getötet von Frank, dem Vater ihrer gemeinsamen Tochter Maja (9). Das Mädchen verliert mit einem Mal ihre Familie und ihr Zuhause. Ihre Patentante Liv, eine Astrophysikerin, versucht, die Neunjährige aufzufangen und sie für das Weltall zu begeistern…
„Da, wo ich dich sehen kann“ ist ein Roman von Jasmin Schreiber.
Erzählt wird die Geschichte aus wechselnder Perspektive, unter anderem aus der Sicht von Maja und Liv. Dabei besteht der Roman aus mehr als 50 kurzen Kapiteln.
Die Sprache ist eingängig und ungekünstelt, aber eindringlich, anschaulich und atmosphärisch. Die Dialoge klingen glaubwürdig. Für stilistische Abwechslung sorgen eingefügte Dokumente und Protokolle.
Vor allem Maja und Liv stehen im Zentrum der Geschichte. Die Hauptfiguren verfügen über viel psychologische Tiefe. Ihr Innenleben mit all ihren Emotionen und Gedanken wird sehr gut ausgeleuchtet und ist durchweg nachvollziehbar. Dadurch kommt man den Charakteren sehr nahe.
Die Geschichte behandelt einen Femizid und seine Folgen. Inspiriert zu diesem Roman wurde die Autorin tragischerweise von einem wahren Fall in ihrer Nachbarschaft. Er lenkt den Blick auf ein wichtiges Problem, verschafft den Opfern Sichtbarkeit und leistet einen Beitrag zur gesamtgesellschaftlichen Debatte. Unter anderem entlarvt er das strukturelle Versagen von Politik und Gesellschaft, die Ignoranz und Tatenlosigkeit gegenüber (häuslicher) Gewalt und weitere Defizite. Die Geschichte zeigt auf, wie schnell Frauen und Kinder zu Opfern werden können und dass Femizide nahezu überall stattfinden. Positiv hervorzuheben: Zum Schluss des Buches sind Stellen aufgelistet, an die sich Frauen und Männer wenden können, um zum Thema häusliche Gewalt Hilfe zu finden.
Ein weiterer inhaltlicher Schwerpunkt ist die Astrophysik. Wie schon in ihren früheren Romanen schafft es die Autorin erneut, wissenschaftliche Fakten auf unterhaltsame und interessante Weise einzubinden.
Auf den mehr als 400 Seiten hat mich die Geschichte daher einerseits immer wieder geschockt und berührt. Andererseits vermittelt der Roman einiges Wissenswerte.
Die gebundene Ausgabe weist viele liebevolle Details auf: zum Beispiel die abgedruckten Sternbilder zu Beginn der Kapitel, der Farbverlauf im Buchschnitt und ergänzende Zeichnungen. Ebenfalls eine schöne Komponente: Das ungewöhnliche Cover, das sehr gut zur Geschichte passt, hat die Autorin selbst entworfen. Auch der mehrdeutige Titel ist eine vortreffliche Wahl.
Mein Fazit:
Mit „Da, wo ich dich sehen kann“ ist Jasmin Schreiber wieder einmal ein gleichsam bewegender wie aufschlussreicher Roman gelungen. Nach „Marianengraben“ zählt nun auch ihre neue Geschichte zu meinen Lieblingsbüchern. Ein äußerst empfehlenswertes Highlight im Leseherbst 2025!
Die Bonner Republik im Jahr 1978: Catharina Cornelius hat es als liberale Politikerin nicht leicht unter Männern. Doch als ihr Parteikollege Helmut Busch über eine Affäre stolpert, schlägt ihre Stunde. Sie übernimmt sein Amt und wird somit erste deutsche Außenministerin und Vizekanzlerin. Behaupten gegen Widerstände muss sie sich allerdings weiterhin…
„Die Frau der Stunde“ ist der literarische Debütroman von Heike Specht.
Der Roman besteht aus drei Teilen, die sich wiederum in insgesamt 22 Kapitel gliedern. Die Handlung umspannt die Monate von Oktober 1978 bis März 1979. Erzählt wird in chronologischer Reihenfolge und vorwiegend, aber nicht nur aus der Sicht von Catharina.
Im Vordergrund stehen Catharina und ihre beiden besten Freundinnen. Die Frauenfiguren sind realitätsnah und mit psychologischer Tiefe dargestellt. Darüber hinaus gibt es etliche Personen, die sich politisch engagieren oder ansonsten im Politbetrieb arbeiten. Einige der Charaktere ähneln historischen Persönlichkeiten, zum Beispiel Helmut Kohl. Dennoch ist die Geschichte nicht als Schlüsselroman zu verstehen.
Auf der inhaltlichen Ebene handelt es sich vor allem um ein Gedankenexperiment. Wie hätte sich die bundesdeutsche Politik entwickelt, wenn schon früher eine Frau in höchste Ämter gelangt wäre? Beleuchtet wird der Bonner Politbetrieb. Dabei deckt die Geschichte Sexismus, diskriminierende und misogyne Strukturen auf. Auch Machtintrigen, politische Ränkespiele und andere bedenkliche Phänomene werden aufgezeigt. Dadurch liefert die Geschichte Einblicke, Denkimpulse und Stoff zum Diskutieren.
Dem Roman ist immer wieder die profunde Sachkenntnis der Autorin anzumerken, was historische Ereignisse und Personen angeht. Zudem ist die Geschichte mit viel Zeitkolorit ausgestattet.
Auf den rund 350 Seiten ist der Roman kurzweilig und unterhaltsam. Die Handlung verfügt bisweilen über überraschende Momente, bleibt jedoch glaubwürdig. Gleichzeitig kommt die Geschichte ohne übermäßige Dramatik aus.
Auch in sprachlicher Hinsicht hat mich der Text überzeugt. Die Beschreibungen sind anschaulich, die Dialoge authentisch.
Das farbkräftige, reduzierte Covermotiv passt gut zum Inhalt. Auch der Titel ist sinnvoll formuliert.
Mein Fazit:
Mit „Die Frau der Stunde“ beweist Heike Specht, dass sie nicht nur im Sachbuch-Genre gut aufgehoben ist. Ihr erster Roman hat einen hohen Unterhaltungswert und ist zugleich aufschlussreich. Definitiv empfehlenswert!
Terrence Tully, genannt Terry, ist Assistenzarzt im dritten Jahr an einer Klinik in Los Angeles, als er einen unerwarteten Anruf erhält: Seine Mutter ist plötzlich gestorben. Der 31-Jährige macht sich auf den Weg nach Boulder City (Nevada), wo die Verstorbene zuletzt gelebt hat, damit er sich um ihre Angelegenheiten kümmern kann. Dort läuft ihm Bethany (24) über den Weg. Sie hat sich von ihrem Ex-Verlobten Jesse, einem Lehrer, getrennt und sucht nun eine neue Bleibe. Die junge, attraktive Frau, die am Empfang eines Krankenhauses arbeitet und nur wenig Gehalt bekommt, ist anhänglich und möchte Terry nicht mehr vom Haken lassen. Sie quartiert sich kurzerhand selbst im früheren Haus seiner Mutter ein. Doch Jesse ist nicht bereit, den Verlust kampflos hinzunehmen…
„No Way Home“ ist ein Roman von T. Coraghessan Boyle, der zuerst 2025 in Deutschland erschienen ist und 2026 auch in englischer Ausgabe veröffentlicht wird.
Erzählt wird die Geschichte in sieben Teilen, die aus mehreren Kapiteln bestehen. Dabei wechselt die Perspektive mehrfach, sodass wir die Sichtweisen aller drei Hauptcharaktere erfahren.
Vor allem auf der sprachlichen Ebene hat mich der Roman überzeugt. Er ist atmosphärisch und leichtfüßig. Der Text glänzt zudem mit sehr authentischen Dialogen und bildstarken, teils ungewöhnlichen Beschreibungen. Dadurch entsteht ein ganz eigener Sound, der auch in der deutschen Übersetzung von Dirk van Gunsteren erhalten bleibt.
Wie der Titel, der 1:1 der amerikanischen Ausgabe entspricht, erahnen lässt, ist das Thema eines fehlendes Zuhauses der rote Faden des Romans. Ob es wortwörtlich die Obdachlosigkeit wie bei Bethany, der Verlust eines Heimatgefühls wie bei Terry oder im metaphorischen Sinne die Verlorenheit wie bei Jesse ist: Sowohl bei den drei Hauptfiguren als auch bei einigen Nebencharakteren zieht sich dieser Aspekt durch die Geschichte. Dazu passt, dass sich der Großteil der Handlung in der Wüste abspielt, einem interessanten und durchaus speziellen Lebensraum.
Darüber hinaus schneidet der Roman zwar etliche andere Themen an. So werden unter anderem der Klimawandel und die Sorgen der einfachen Bevölkerung angerissen. Auch Gewalt, toxische Männlichkeit und bedenklicher Alkoholkonsum sind wiederkehrende Motive. Doch größtenteils bleibt der Roman an der Oberfläche und lässt inhaltliche Tiefe vermissen.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Figuren - mit Ausnahme von Terry - insgesamt schablonenhaft und, wie das Covermotiv, blass erscheinen. Ihre Verhaltensweisen und Gefühle sind für mich nur teilweise nachvollziehbar.
Trotz dieser Schwächen ist der Roman, der immerhin rund 380 Seiten umfasst, nicht langatmig. Ich habe mich von der Geschichte gut unterhalten gefühlt.
Mein Fazit:
Mit „No Way Home“ hat mich T. C. Boyle zwar nur in sprachlicher Hinsicht komplett begeistern können. Sein neuer Roman ist aber eine kurzweilige Lektüre.
Das Jahr 1981 in Jaffna im Norden von Sri Lanka: Die fast 16-jährige Sashikala Kulenthiren, genannt Sashi, möchte Ärztin werden. Aber dann bricht ein brutaler und langer Bürgerkrieg aus und reißt ihre Heimatstadt auseinander. Zwei ihrer Brüder werden in die Auseinandersetzung hineingezogen und schließen sich den Kämpfern an - mit fatalen Folgen. Auch K, ein ein Jahr älterer Junge aus der Nachbarschaft, für den sie Gefühle entwickelt hat, ist bei den Tamil Tigers.
„Der brennende Garten“ ist ein Roman von V. V. Ganeshananthan, der unter anderem mit dem Women's Prize for Fiction im Jahr 2024 ausgezeichnet worden ist.
Der Roman ist sehr klar strukturiert: Auf einen Prolog folgen fünf Teile, die sich wiederum in insgesamt 20 Kapitel gliedern. Die Haupthandlung umspannt die Jahre 1981 bis 1989 und spielt vor allem in der Stadt Jaffna und in Colombo (beides Sri Lanka). Erzählt wird in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Sashi.
Die Sprache ist klar, aber nicht platt. Die Dialoge wirken lebensnah. Die Beschreibungen sind eindringlich.
Die Tamilin Sashi ist eine interessante Protagonistin: intelligent, mutig und sympathisch. Eine authentische Figur, mit der ich mitfühlen konnte.
Die Geschichte schildert die Kindheit und Jugend Sashis, das Aufwachsen in einer besonders schwierigen Zeit. Es ist also einerseits ein Coming-of-Age-Roman.
Andererseits beleuchtet die Geschichte das Entstehen und den Verlauf des Bürgerkriegs, das Bestreben der Tamilen nach Unabhängigkeit und den Pogrom von 1958. Dabei ist dem Roman die intensive, fundierte Recherche anzumerken. Er wirft Fragen auf: Was bedeutet Terrorismus? Was macht ein Bürgerkrieg mit ganz normalen Menschen und insbesondere Frauen? Wie ist man sich selbst treu im Umfeld von Gewalt und Schrecken? Zudem spielen Unterdrückung, Diskriminierung und feministische Aspekte eine Rolle. Dies alles verleiht der Geschichte Facettenreichtum und Tiefe.
Auf den mehr als 450 Seiten ist Roman kurzweilig und berührend. Die Handlung ist zwar immer wieder dramatisch, bleibt aber stimmig und glaubwürdig.
Der deutsche Titel klingt gleichermaßen poetisch wie dramatisch, weicht aber erheblich vom englischsprachigen Original („Brotherless Night“) ab. Das passende Covermotiv hingegen orientiert sich an den fremdsprachigen Ausgaben.
Mein Fazit:
„Der brennende Garten“ von V. V. Ganeshananthan ist nicht nur eine sehr bewegende Lektüre, sondern auch ein Buch, das interessante Einblicke in die Historie Sri Lankas bietet. Ein in mehrerer Hinsicht empfehlenswerter Roman.
Nach mehr als 50 Jahren Ehe ist Hannah (70) Witwe geworden. Schon immer hat sie in dem kleinen Ort Berllan Deg in Wales gelebt. Auch nach ihrer Hochzeit mit John, einem Schriftsteller und Imker, hat sie ihr Elternhaus nicht verlassen - im Gegensatz zu ihrer Schwester Sadie. Nun muss sich Hannah von ihrem Mann verabschieden und ein schockierendes Geheimnis des Verstorbenen erfahren…
„Wilder Honig“ ist ein Roman von Caryl Lewis.
Erzählt wird die Geschichte in 55 kurzen Kapiteln in weitestgehend chronologischer Reihenfolge. Die Handlung umfasst ungefähr ein Jahr. Der Haupterzählstrang ist in der Gegenwart angesiedelt. Darüber hinaus sind Briefe im Wortlaut eingefügt, die John hinterlassen hat.
Vor allem in den Briefen, aber auch darüber hinaus ist die Sprache wunderbar poetisch und bildstark. Die Szenen sind sehr atmosphärisch ausgestaltet, die Dialoge wirken durchaus authentisch.
Auf der inhaltlichen Seite ist der Roman tiefgründig und recht düster. Es geht zunächst um Tod, Trauer und Verlust. Später spielen zudem Themen wie Enttäuschung, Einsamkeit, Betrug und ähnliche Aspekte eine Rolle. Trotz der idyllischen Naturkulisse hat mich der Roman besonders zu Beginn mit seiner Schwere und Traurigkeit überrascht. Im weiteren Verlauf hellt sich die Geschichte allerdings etwas auf und zeigt hoffnungsvolle Momente.
Neben den zwischenmenschlichen Beziehungen bilden der Obstgarten und die Bienen einen Schwerpunkt. Ausführlich werden die Abläufe von Tier- und Pflanzenwelt, das Zusammenspiel der Lebewesen und derartige Vorgänge geschildert. Das sorgt für ein entschleunigtes Erzähltempo und transportiert wissenswerte naturkundliche Fakten. Man könnte sogar soweit gehen zu behaupten, dass die Natur selbst zu einer Protagonistin des Romans wird.
Darüber hinaus stehen drei Frauenfiguren im Mittelpunkt: Hannah, Sadie und Megan. Die Charaktere habe ich grundsätzlich als interessant und angenehm unterschiedlich empfunden. Dennoch blieben mir alle drei Personen bis zum Schluss recht fremd und auf Distanz, ihr Verhalten erscheint mir nur in Teilen nachvollziehbar.
Die Geschichte mit ihren gut 280 Seiten konnte mich an ein paar Stellen überraschen. Dennoch setzt die Handlung nicht auf Effekthascherei und verzichtet größtenteils auf übermäßige Dramatik.
Der deutsche Titel macht neugierig und ist nahe am englischsprachigen Original („Bitter Honey“). Das malerische Covermotiv greift die Naturthemen gut auf, wirkt allerdings etwas zu harmonisch und heiter für den Inhalt.
Mein Fazit:
„Wilder Honig“ von Caryl Lewis ist ein Roman, der mit sprachlicher Stärke glänzt, mich bei der Figurenzeichnung jedoch leider enttäuscht hat. Empfehlenswert insbesondere für Naturliebhaber und Wales-Fans.
Leonie Hendricks, 30, ist eigentlich Pflanzengenetikerin, braucht aber einen beruflichen Neuanfang. Deshalb nimmt sie in München einen Job an, der nicht zu ihrer Expertise passt. Trotzdem ist das Geld knapp. Da lernt sie eine Frau kennen, die mit zweifelhaften Methoden ihren Lebensunterhalt verdient. Leonie ist fasziniert. Sie entschließt sich, künftig auch auf unkonventionelle und unmoralische Weise an Geld zu kommen…
„Hustle“ ist ein Roman von Julia Bähr.
Erzählt wird die Geschichte in 46 kurzen Kapiteln aus der Sicht von Leonie. Die chronologische Handlung umfasst etliche Monate.
Die Sprache ist unauffällig und wenig kunstvoll, aber anschaulich und der Geschichte angemessen. Die Dialoge wirken sehr lebensnah.
Leonie ist eine zugleich reizvolle, interessante und unbequeme Protagonistin. Nicht alle ihre Entscheidungen und Reaktionen konnte ich komplett nachvollziehen. Dennoch habe ich ihre Gedanken und ihr Handeln gerne verfolgt.
Auf der inhaltlichen Ebene geht es vor allem um weibliche Wut und Selbstbefreiung. Freundinnenschaft und persönliche Weiterentwicklung spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Der Text ist zudem durchzogen von kritischen Passagen: an den absurd hohen Mieten und prekären Verhältnissen in Großstädten, am Kapitalismus, an der Konsumgesellschaft, an der Benachteiligung von Frauen, an der vorherrschenden Misogynie und ähnlichen Aspekten. Das alles macht den Roman facettenreich und äußerst aktuell. Die Geschichte liefert immer wieder Denkimpulse.
Auf den wenig mehr als 300 Seiten ist der Roman unterhaltsam und kurzweilig. Zwar ist die Handlung nicht durchweg realistisch, allerdings sehr witzig. Auch das etwas überraschende Ende fühlt sich für mich stimmig an.
Der Titel hat sich mir nicht auf Anhieb erschlossen, passt jedoch gut zum Inhalt. Das Cover, eine ebenfalls treffliche Wahl, finde ich sehr ansprechend gestaltet.
Mein Fazit:
Mit „Hustle“ ist Julia Bähr ein vielschichtiger, humorvoller und intelligenter Roman gelungen, der mich bestens unterhalten hat. Meine Neugier auf weitere Bücher der Autorin ist nun geweckt.
Wala Kitu, der eigentlich Ralph Townsend heißt, ist Mathematiker und Professor an der Brown University in Providence (USA). Er hat sich auf das Nichts spezialisiert. Der Wissenschaftler ist Mitte 30, als John Milton Bradley Sill, ein Multimilliardär, auf ihn aufmerksam wird. Der reiche Schurke macht ihm ein unmoralisches Angebot, das der Experte kaum ablehnen kann. Sill hat es auf den Goldspeicher in Fort Knox abgesehen, genauer gesagt: auf das Nichts, das er im großen Tresorraum vermutet. Aber wie schafft man dieses fort? Bei dieser und anderen Fragen soll ihm Wala Kitu für drei Millionen Dollar behilflich sein…
„Dr. No“ ist ein Roman von Percival Everett.
Der Roman ist eher kleinteilig aufgebaut. Erzählt wird in elf Teilen, die jeweils aus mehreren Kapiteln bestehen, in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Wala.
In sprachlicher Hinsicht sind vor allem die lustigen, exzessiv genutzten Wortspielereien auffällig. Das betrifft in erster Linie das Wort „nichts“. Aber auch eine Menge sprechender Namen, Mehrdeutigkeiten, Metaphorik und Symbolik steckt in dem herausfordernden Text, übersetzt von Nikolaus Stingl. Dabei wechselt der Roman zwischen flotten, umgangssprachlichen Dialogen und Gedankengängen im Fachjargon.
Auf den nur wenig mehr als 300 Seiten mutet die Handlung teilweise etwas nach Klamauk an. Nicht alle Szenen und Wendungen wirken realistisch, vieles hat sogar skurrile oder absurde Züge. Die Figuren sind recht schräg und überspitzt dargestellt. Das liegt auch daran, dass die Geschichte als eine Satire oder Persiflage auf die James-Bond-Filme zu lesen ist. Das lässt bereits der trefflich gewählte Titel erahnen, der 1:1 aus dem englischsprachigen Original übernommen wurde. Auch zu weiteren Filmen gibt es Referenzen.
Dennoch hält der Roman einige ernste Themen bereit. Insbesondere nehmen philosophische Gedanken und mathematische Exkurse viel Raum in der Geschichte ein, allen voran das Nichts. Obwohl nicht alle theoretischen Ausführungen für Laien in Gänze nachvollziehbar sind oder zum Teil sogar verwirren, haben mich diese Passagen nur geringfügig gestört.
Darüber hinaus enthält die Geschichte immer wieder Verweise auf bedenkliche Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit: Verschwörungstheorien, Machtmissbrauch, das Erstarken rechter, radikaler und faschistischer Ideologien, die Auflösung der Gewaltenteilung und ähnliche politische Tendenzen. Darin fügt sich eine latente Kapitalismuskritik ein.
Zudem ist ein weiterer Aspekt früherer Romane auch in dieser Geschichte zu finden: der Alltagsrassismus gegenüber der schwarzen Bevölkerung, der hier erneut pointiert geschildert und angeprangert wird.
Mein Fazit:
Wie bei „Die Bäume“ ist Percival Everett eine ungewöhnliche, verrückte Geschichte gelungen, die von Wortwitz, absurden Szenen, einer speziellen Komik, aber auch gesellschaftskritischen Elementen geprägt ist. Mit „Dr. No“ hat mich der Autor wieder einmal auf intelligente Art sehr gut unterhalten und zugleich überraschen können. Definitiv lesenswert!
Jacknife am Atchafalaya-Becken im US-Bundesstaat Louisiana: Die Journalistin Loyal May hat ihre beste Freundin Cutter Labasque verloren. Doch nach dem Fund der Leiche im matschigen Sumpf scheint sich niemand sonst um die Aufklärung der Sache zu scheren. Der Tod der Außenseiterin wird als Suizid abgetan. Doch Loyal glaubt nicht daran. Sie stößt bei ihrer Suche nach Antworten auf ein Netz aus Schweigen, Lügen und Schuld…
„Unsere letzten wilden Tage“ ist ein literarischer Spannungsroman von Anna Bailey.
Die Geschichte besteht aus 46 Kapiteln, die von einem Prolog eingeleitet werden. Erzählt wird im Präsens aus der Perspektive von Loyal, aber auch denen weiterer Personen, wobei es immer wieder zeitliche Sprünge gibt. Obwohl die Struktur des Romans durchaus komplex ist, lässt sich die Geschichte sehr gut nachverfolgen.
Der Schreibstil ist sehr atmosphärisch und bildstark. Besonders die Naturbeschreibungen sind eindrucksvoll. Die Dialoge, teilweise der Gegend entsprechend etwas vulgär, wirken authentisch.
Die Figuren machen ebenfalls einen lebensnahen Eindruck. Loyal ist eine interessante und glaubhafte Protagonistin. Sie wird mit psychologischer Tiefe dargestellt. Aber auch die anderen Charaktere sind nicht zu stereotyp geraten.
Wie schon beim Debütroman von Anna Bailey liegt ein Schwerpunkt auf Gewalt gegenüber Frauen. Auch darüber hinaus ist der Inhalt recht düster. Es geht um Armut, um Perspektivlosigkeit, um Korruption und dergleichen mehr.
Auf den etwa 38 Seiten ist das Erzähltempo zwar nicht zwar schnell. Die Handlung kommt nur langsam voran. Dennoch erzeugt die Geschichte einen Lesesog, denn sie bleibt durchgängig spannend und ausreichend undurchsichtig.
Das hübsche, recht harmonische Covermotiv ist ein wenig irreführend, denn es lässt eher auf ein anderes Genre schließen. Der deutsche Titel ist wortgetreu aus englischsprachigen Original übersetzt und passt zum Inhalt.
Mein Fazit:
„Unsere letzten wilden Tage“ von Anna Bailey ist ein gelungener Roman, der mehr als nur einen rätselhaften Todesfall behandelt. Eine vielschichtige und definitiv lesenswerte Geschichte, die sowohl inhaltlich als auch sprachlich überzeugen kann.